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Ringvorlesung im Herbst-/Wintersemester 2018

Aktuelle Themen der Gesundheitsökonomik

Es gibt wohl kaum einen Menschen, der sich nicht früher oder später mit dem Thema Gesundheit beschäftigt. Gesundheit ist aber nicht nur ein individuelles, sondern auch ein gesellschaft­liches Thema, das breiten Raum in der politischen Debatte einnimmt, bspw. wenn es um das System der Kranken­versicherung, die Versorgung in Krankenhäusern oder die Aus­wirkungen des demographischen Wandels auf das Gesundheits­system geht. Die Volkswirtschafts­lehre und hier speziell die Gesundheitsökonomik kann mit ihren Konzepten und Methoden in vielfältiger Weise zum Verständnis und zur Lösung der anstehenden Probleme beitragen.

Im Herbst-/Wintersemester 2018 werden fünf geladene Referenten aktuelle Themen der Gesundheitsökonomik beleuchten und dabei neben ihrem Vortrag auch Gelegenheit zur Diskussion geben. Die Veranstaltungen finden jeweils von 19:00 bis 20:30 Uhr in Hörsaal SN 169 im Schlossgebäude statt.

26. September 2018:
Prof. Dr. Robert Nuscheler:

“Die Ökonomik des Impfens”


Abstract:

Trotz des guten Zugangs zu Immunisierung sind selbst in entwickelten Ländern die Impfquoten teilweise erschreckend niedrig. Das Resultat ist das Auftreten von vermeidbaren Krankheiten und deren Folgeschäden. In der Veranstaltung vom 26. September 2018 gehen wir der Frage nach, wie die niedrigen Impfquoten erklärt werden können und was getan werden kann, um diese zu erhöhen. Das Verständnis individueller Impfentscheidungen und der daraus resultierenden Konsequenzen ist dafür unerlässlich. In einem ersten Schritt werden wir die Grundlagen der ökonomischen Epidemiologie betrachten sowie deren Aus­wirkungen auf die Politikoptionen, die auf eine Erhöhung der Impfquoten abzielen. Im zweiten Schritt unter­suchen wir weitere Determinanten der individuellen Impfentscheidung wie beispielsweise Zeit- und Risikopräferenzen sowie Informations­defizite.


Referent:

Prof. Dr. Robert Nuscheler ist Inhaber des Lehr­stuhls für Volkswirtschafts­lehre mit Schwerpunkt Finanz­wissenschaft, insbesondere Gesundheitsökonomik an der Universität Augsburg. Sein Forschungs­schwerpunkt liegt in der Gesundheitsökonomik, wobei er sich Fragen des Gesundheits­verhaltens, der Prävention, der Kranken­versicherung, der Langzeitpflege und der Vergütung von Leistungs­erbringern annimmt. Vor seiner Zeit in Augsburg hatte er Stellen am Wissenschafts­zentrum Berlin für Sozialforschung, der McMaster University und der University of Waterloo inne. Er hat an der Freien Universität Berlin Volkswirtschafts­lehre studiert und dort 2003 promoviert. Robert Nuscheler ist Direktor des Instituts für Volkswirtschafts­lehre der Universität Augsburg, Mitglied des Vorstands des Zentrums für Interdisziplinäre Gesundheitsforschung an der Universität Augsburg und designierter Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Gesundheitsökonomie.

10. Oktober 2018:
Prof. Dr. Michael Schlander:
“Exploring the Health Economics of Cancer and Cancer Care: Advances, Challenges, and Current Issues”


Abstract:

Cancer is the second leading cause of mortality in Germany and believed to be associated with high costs. Health economic analyses indicate that cancer indeed accounts for almost one fifth of the total burden of disease in Germany, as measured by means of disability-adjusted life years (DALYs). This observation implies extraordinarily high intangible costs due to cancer. As to direct medical costs, official German statistics suggest that cancer accounts for 19.9 bn or about 6% of the total German health care expenditures (amounting to 343bn in 2015), a finding that corresponds well to the situation in other European states as well as the US. The share of total spending dedicated to cancer medicine has remained largely stable since 2004; this observation does not lend support to the hypothesis of recently escalating health care costs due to cancer care. With regard to indirect costs, recent estimates suggest that the productivity loss attributable to cancer in Germany amounted to 18.5bn (2015), a dimension which is comparable to the direct cost. However, attention should be paid to the extra cost and cost effectiveness of highly specialized comprehensive cancer care centers and to the rising cancer drug costs. Furthermore, there is a need to better understand the socioeconomic impact of cancer from the perspective of patients and their families.


Referent:

Michael Schlander is head of the division of health economics at the Deutsches Krebsforschungs­zentrum – DKFZ (since 2017). He has also been founding chairman of the not-for-profit “Institute for Innovation & Valuation in Health Care” in Wiesbaden (since 2005). In 2008, he was a co-founder of the German Society for Health Economics, and in 2012, he acted as scientific chair for the European ISPOR Congress in Berlin, with more than 3,500 attendants. Schlander studied medicine and psychology at the University of Frankfurt and has been licensed as a physician in Germany since 1985. He received his M.D. (summa cum laude) from the University of Frankfurt, his M.B.A. (as valedictorian of the class of 1994) from City University of Seattle, Washington, a diploma in health economics from the Stockholm School of Economics (2002), and the venia legendi for health economics from the University of Heidelberg (2007). Prior to returning to academia in 2002, he spent 15 years in executive roles for the international biopharmaceutical industry.

24. Oktober 2018:
Prof. Dr. Daniel Wiesen:
“Behavioral Experiments in Health Economics”

 

Abstract:

While the use of experimental methods and behavioral economic insights was advocated by the leading health economists such as Victor Fuchs and Richard Frank over a decade ago, their introduction and employment has been relatively slow to be widely accepted in health economics. Recently, there is, however, a rising interest in using behavioral experiments in health economics, which coincides with the parallel growing interest in applying behavioral economics insights to health. The use of “nudges”, for example, has recently led many governments around the world to set up behavioral or “nudge units” within their civil services such as the Behavioral Insights Team in the UK Cabinet Office. In this lecture, we will discuss current developments and challenges in the burgeoning field of Behavioral Experiments in Health by providing insights into recent experimental studies addressing topics such as incentives for physicians, nudges to improve health-related behaviors, and discrimination in health care markets. 


Referent:

Prof. Dr. Daniel Wiesen lehrt und forscht an der Universität zu Köln mit dem Schwerpunkt Gesundheitsökonomik. Er beschäftigt sich dabei insbesondere mit der Schnittstelle zur Verhaltensökonomik und der experimentellen Wirtschafts­forschung. Er studierte und promovierte an der Universität Bonn. Neben seiner Professur in Köln ist er auch als Gastprofessor an der University of Oslo (seit 2014) und der Boston University (seit 2017) tätig.

7. November 2018:
Prof. Dr. Friedrich Breyer:
“Alternde Gesellschaft – steigende Gesundheitsausgaben?”


Abstract:

Die deutsche Gesellschaft wird in den nächsten Jahrzehnten rapide altern. Dies bedeutet höhere Beiträge in der Renten­versicherung. Wie steht es aber um die Kranken­versicherung? Wird diese ebenfalls in einer alternden Bevölkerung teurer, und welche Aus­wirkungen hat dabei der enorme medizinische Fortschritt? Werden die Beiträge der Krankenkassen unbezahlbar, wenn die Politik nicht gegensteuert? Muss etwa sogar der Leistungs­katalog der Sozialen Kranken­versicherung beschnitten werden? Und welche Reformoptionen gibt es für eine nachhaltige Finanzierung der anderen Zweige der Sozial­versicherung?


Referent:

Prof. Dr. Friedrich Breyer hat den Lehr­stuhl für Wirtschafts- und Sozialpolitik an der Universität Konstanz inne und forscht auf den Gebieten der Gesundheitsökonomie und der Ökonomie der Renten­versicherung. Er studierte und promovierte (1978) in Heidelberg und wurde 1986 Professor an der Fern­Universität Hagen, bevor er 1992 nach Konstanz wechselte. Er ist Mitglied des Wissenschaft­lichen Beirats beim Bundes­ministerium für Wirtschaft und Energie und war 2006–09 Vorsitzender des Ausschusses für Gesundheitsökonomie im Verein für Socialpolitik. Er ist Mitbegründer der Deutschen Gesellschaft für Gesundheitsökonomie (DGGÖ) und war 2012–13 deren Vorsitzender. Er ist zudem Autor zahlreicher Lehr­bücher, dar­unter des Standard­werks Gesundheitsökonomik, 6. Auflage 2012 (Mitautoren: Peter Zweifel und Mathias Kifmann), das auch in englischer Sprache erschienen ist.

21. November 2018:
Dr. Dennis Häckl:
Konkurrenzkampf in engen Grenzen: Wettbewerb in der gesetzlichen Kranken­versicherung unter den Bedingungen des morbiditäts­orientierten Risikostrukturausgleichs


Abstract:

Die gesetzliche Kranken­versicherung (GKV) in Deutschland unter­liegt einem solidarischen Wettbewerb, der „die Effizienzziele von Wettbewerb mit Solidarität und Gerechtigkeit“ in Einklang bringen soll. Aufgrund unter­schiedlicher Erkrankungs­häufigkeiten und -risiken innerhalb der Versichertenschaft variieren allerdings auch die krankheitsbedingten Ausgaben der Krankenkassen. Da die gesetzlichen Krankenkassen keine risikoabhängigen Prämien bei den Versicherten erheben können, ist ein Ausgleichs­system erforderlich, um für alle Krankenkassen eine faire Wettbewerbsbasis zu schaffen. Der seit 2009 eingesetzte morbiditäts­orientierte Risikostrukturausgleich (Morbi-RSA) soll diese ungleiche Kostenverteilung innerhalb der GKV über eine Berücksichtigung von Alter, Geschlecht und Krankheitslast (Morbidität) der Versicherten ausgleichen. Er verteilt dabei über 216 Mrd. Euro pro Jahr unter den Krankenkassen.

Ein solch künstlicher Eingriff zur Regulierung des Krankenkassenwettbewerbs birgt jedoch zahlreiche Herausforderungen. Ausgehend vom Status Quo der Ausgestaltung und Zielsetzung wird deshalb zunächst die aktuelle Wettbewerbs­entwicklung in der GKV vor dem Hintergrund einer fortschreitenden Markt­konzentration diskutiert. Darauf aufbauend werden Interessenkonflikte und strukturelle Ungleichgewichte der gesetzlichen Krankenkassen adressiert, die in teils ambivalenten Anreizmechanismen begründet liegen und regelmäßig in gesundheitspolitische Diskurse münden. Eine Diskussion der aktuellen wissenschaft­lichen Debatte um eine Weiter­entwicklung des Risikostrukturausgleichs rundet die Vorlesung ab.


Referent:

Dr. Dennis Häckl ist Geschäftsführer und wissenschaft­licher Direktor des WIG2 Wissenschaft­liches Institut für Gesundheitsökonomie und Gesundheits­systemforschung in Leipzig. Vor der Gründung des Instituts forschte und lehrte er an der Technischen Universität Dresden, an der er auch aktuell Lehr­aufträge hält. Nach einem Studium der Volkswirtschafts­lehre in Nürnberg und Detroit promovierte er als persönlicher Referent des Rektors sowie Projektleiter am Center for Healthcare Management an der HHL Leipzig Graduate School of Management. Dennis Häckl ist Autor zahlreicher Artikel und Buchbeiträge zu gesundheits­ökonomischen Themen und verfasste verschiedene Studien und Expertengutachten.