VWL und Plattformen: Damit die neuen Geschäfts­modelle fair bleiben

(Eine Plattform ist ein digitales oder organisatorisches Vermittlungs­system, das zwei oder mehr Gruppen zusammenbringt – zum Beispiel Nutzer*innen und Werbekunden, Fahrer*innen und Fahrgäste oder Händler*innen und Käufer*innen. Plattformen legen dabei Regeln, oft auch Preise, Sichtbarkeit und technische Schnittstellen fest.)

Deine Mission

Du nutzt Google, Instagram, Uber, Amazon und KI-Dienste wie ChatGPT – viele davon jeden Tag. Einige ohne zu bezahlen, aber irgendjemand verdient Milliarden damit. Wie funktioniert das? Warum sind diese Plattformen so mächtig? Warum kippen manche Plattformmärkte zu wenigen dominanten Anbietern – während in anderen Wettbewerb bestehen bleibt? Und was passiert, wenn ein einzelnes Unter­nehmen kontrolliert, wer im Internet sichtbar ist, wer Zugang zu Aufträgen bekommt und welche Preise als fair gelten? Als Volkswirt*in mit Vertiefung in Plattformökonomie verstehst du, wie diese Geschäfts­modelle, die unseren Alltag immer mehr prägen, Geld verdienen und warum sie so schnell wachsen. Du berechnest, wann Plattformmacht Innovation fördert – und ab wann sie Märkte erstickt. Und du gestaltest die Regulierung mit, die dafür sorgt, dass Plattformmärkte offen und fair bleiben.

Deine Aufgaben (Auswahl)

Netzwerkeffekte, Markt­dynamik & die Macht der kritischen Masse

  • Das Henne-Ei-Problem: Eine Dating-App ohne Nutzer*innen ist wertlos – aber warum sollte jemand als Erste*r beitreten? Du modellierst, wie Plattformen die Mindest­zahl an Nutzer*innen, ab der eine Plattform attraktiv wird, erreichen und warum viele daran scheitern.
  • Winner-takes-all – oder doch nicht? Warum gibt es eine dominante Suchmaschine, aber mehrere Essenslieferdienste nebeneinander? Du analysierst, unter welchen Bedingungen Märkte „kippen“ (viele wechseln zum größten Anbieter, bis kaum Konkurrenz übrig bleibt) und wann Wettbewerb überlebt.
  • Multihoming vs. Lock-in (Wechsel möglich, aber schwer): Warum nutzen viele Menschen mehrere Streamingdienste nebeneinander (Multihoming), bleiben bei Messengerdiensten jedoch oft nur bei WhatsApp, obwohl andere Dienste als datenschutz­freundlicher gelten? Du berechnest, wie hoch die Wechselkosten wirklich sind und wie das Recht, die eigenen Daten beim Plattformwechsel einfach mitzunehmen, den Wettbewerb verändern kann.


Markt­macht, Gatekeeper & Wettbewerbspolitik

  • Wenn die Plattform gleich­zeitig Schiedsrichter und Spieler ist: Amazon verkauft eigene Produkte auf dem eigenen Markt­platz – und sieht dabei die Verkaufsdaten aller Konkurrent*innen. Du analysierst, wann Selbstbevorzugung (wenn eine Plattform eigene Angebote besser sichtbar macht als die der Konkurrenz) den Wettbewerb verzerrt und wie man sie nachweist.
  • Über­nahme potenzieller Wettbewerber: Meta, damals Facebook, kaufte Instagram und WhatsApp, bevor beide selbst zu noch stärkeren Konkurrenten im Plattformöko­system werden konnten. War das clevere Strategie – oder die Ausschaltung künftigen Wettbewerbs? Du modellierst, wie Fusionskontrolle (Prüfung von Unter­nehmens­übernahmen) in digitalen Märkten anders funktionieren muss als in der analogen Welt.
  • Der Digital Markets Act der EU: Europa hat eines der weltweit ambitioniertesten Plattformgesetze geschaffen. Du evaluierst, ob die Gatekeeper-Regeln tatsächlich Märkte öffnen – oder ob Big Tech Schlupflöcher findet.


Plattformarbeit & die Zukunft der Gig Economy

  • Bist du Unter­nehmer*in oder Angestellte*r? Millionen Uber-Fahrer*innen, Lieferando-Kuriere und Clickworker*innen arbeiten für Plattformen, ohne klassische Arbeits­verträge zu haben. Du analysierst, welche ökonomischen und rechtlichen Kriterien zeigen, ob Plattformarbeit echte Selbstständigkeit oder verdeckte abhängige Beschäftigung ist – und wie das Arbeits­recht modernisiert werden muss.
  • Algorithmisches Management: Wenn ein Algorithmus entscheidet, welche Aufträge du bekommst, wie du bewertet wirst und ob du gesperrt wirst – was bedeutet das für Fairness und Verhandlungs­macht? Du entwirfst Regulierungs­modelle für eine Arbeits­welt, in der der Chef eine Software ist.
  • Die EU-Plattformarbeits­richtlinie: Du evaluierst, ob die die neue EU-Plattformarbeits­richtlinie, die nun in nationales Recht umgesetzt werden muss, Plattformarbeiter*innen tatsächlich besser schützen oder ob sie Flexibilität zerstören, die viele Beschäftigte schätzen.


Daten, Preise & Algorithmen

  • Nullpreismärkte: Google und Instagram sind „kostenlos“. Du zahlst keinen Geldpreis – aber deine Aufmerksamkeit und deine Daten schaffen Wert, den Plattformen monetarisieren. Du entwickelst ökonomische Modelle für Märkte, in denen der Preis null ist, der Wert aber enorm.
  • Algorithmische Preisdiskriminierung: Zeigt dir eine Buchungs­plattform unter­schiedliche Hotelpreise, abhängig davon, welches Gerät du nutzt, wo du dich befindest oder wie dringend du ein Angebot brauchst? Du analysierst mit Daten und Experimenten, wie Plattformen personalisierte Preise setzen – und ob das effizient oder unfair ist.
  • Dark Patterns & Nudging: Warum ist der „Abo kündigen“-Button immer so versteckt? Du misst, wie manipulatives App-Design Verbraucherentscheidungen verzerrt, und berechnest den volkswirtschaft­lichen Schaden.


Plattformen, Innovation & digitale Öko­systeme

  • App-Ökonomie: Apples App Store und Googles Play Store prägen maßgeblich, welche Apps Milliarden Smartphone-Nutzer*innen erreichen – und verlangen je nach Fall Provisionen von bis zu 30 %. Du analysierst, ob diese Gebühren Innovation fördern oder erdrücken.
  • API-Ökonomie & Open Innovation: Plattformen wie Stripe, Twilio oder OpenAI ermöglichen es tausenden Start-ups, auf ihrer Infrastruktur aufzubauen. Du modellierst, wie solche Öko­systeme Innovations­anreize schaffen – und was passiert, wenn die Plattform plötzlich die Regeln ändert.
  • Dezentrale Alternativen: Können föderierte oder protokoll­basierte Netzwerke wie Mastodon oder Bluesky den großen Plattformen Konkurrenz machen? Du evaluierst, ob solche dezentralen Modelle das Monopol­problem lösen können – oder an Netzwerkeffekten scheitern.


Regulierung im internationalen Vergleich & digitale Souveränität

  • Europa vs. USA vs. China: Die EU setzt stark auf Vorabregeln wie DMA, DSA und AI Act; die USA stärker auf Kartell­verfahren und punktuelle Regulierung; China verbindet Plattformpolitik enger mit staatlicher Kontrolle. Du vergleichst diese Ansätze und analysierst, welcher Weg Innovation und Verbraucherschutz am besten vereint.
  • Standard­setzung als Machtinstrument: Wer technische Standards setzt, kontrolliert Märkte. Du unter­suchst, wie die gesetzliche Pflicht, Dienste füreinander zu öffnen (z. B. dass du über WhatsApp auch Nachrichten an Signal-Nutzer*innen schicken kannst) den Wettbewerb verändert.
  • Europäische Souveränität: Warum spielen europäische Unter­nehmen in vielen zentralen Plattformmärkten nur eine Nebenrolle? Du identifizierst die strukturellen Ursachen – und bewertest, ob Projekte wie Gaia-X realistisch sind.

Deine Arbeitgeber (Auswahl)

Europäische und Nationale Politik & Regulierung: 

  • Europäische Kommission (GD Wettbewerb – DG COMP, GD Connect – DG CNECT, GD Binnen­markt – DG GROW)
  • Europäisches Parlament (Wissenschaft­licher Dienst EPRS, Ausschüsse ITRE und IMCO)
  • Bundes­kartellamt – eine der weltweit aktivsten Behörden bei Plattformfällen
  • Bundes­netzagentur (Digitale-Dienste-Koordinierung/DSA-Aufsicht)
  • Monopol­kommission
  • Bundes­ministerium für Wirtschaft und Energie (BMWE)
  • Bundes­ministerium für Digitales und Staats­modernisierung (BMDS)
  • Bundes­ministerium für Arbeit und Soziales (BMAS)
  • BEREC (Gremium europäischer Regulierungs­stellen für elektronische Kommunikation)


Internationale Organisationen:

  • OECD (Competition Division, Going Digital Project, Directorate for Science, Technology and Innovation)
  • Weltbank / IFC (Digital Development)
  • WTO (E-Commerce-Verhandlungen, Trade and Digital Economy)
  • UNCTAD (Digital Economy Program)
  • ITU (Internationale Fernmeldeunion)


Forschung und Think Tanks:

  • Universitäten im In- und Ausland
  • ZEW Mannheim (Forschungs­bereich Digitale Ökonomie)
  • Max-Planck-Institut für Innovation und Wettbewerb (München)
  • DIW Berlin (Abteilung Unter­nehmen und Märkte)
  • Alexander von Humboldt Institut für Internet und Gesellschaft (HIIG, Berlin)
  • Centre on Regulation in Europe (CERRE)
  • Bruegel (Brüssel), CEPS


Privatwirtschaft, Beratung & Tech:

  • Ökonomische Beratungen mit Digitalfokus (z. B. Compass Lexecon, E.CA Economics, RBB Economics, CRA)
  • Große Strategie­beratungen (z. B. McKinsey Digital, BCG, Roland Berger)
  • Technologiekonzerne mit Economics- und Policy-Teams (z. B. Google, Amazon, Meta, Apple, Microsoft, SAP)
  • Digitalverbände (Bitkom, eco, Allied for Start-ups)
  • Plattform-Start-ups und Scale-ups

Mehr erfahren: Deep Dive (Auswahl)

Du willst mehr darüber wissen, was genau Plattformökonom*innen machen und wie sie denken? Hier sind 3 Standard­werke, die Forschung und Politik geprägt haben: 

  1. Paul Belleflamme & Martin Peitz: The Economics of Platforms – Concepts and Strategy
    (Das moderne Lehr­buch der Plattformökonomie – und einer der Autoren, Martin Peitz, forscht an der Uni Mannheim. Erklärt mit kurzen Fall­studien und zugänglichen Modellen, wie Plattformen Netzwerkeffekte managen, Preise setzen und Märkte gestalten. Wer die ökonomische Logik hinter Google, Uber und Amazon formal verstehen will, startet hier.)
  2. Geoffrey G. Parker, Marshall W. Van Alstyne & Sangeet Paul Choudary: Die Plattform-Revolution: Von Airbnb, Uber, PayPal und Co. lernen
    (Der zugänglichste Einstieg ins Thema: Warum Plattformen traditionelle Geschäfts­modelle umkrempeln, wie das Henne-Ei-Problem gelöst wird und warum Netzwerkeffekte mächtiger sind als klassische Skalenvorteile. Kein einziges Modell, dafür viele Beispiele aus der echten Welt – ideal für alle, die sich dem Thema ohne Mathe nähern wollen.)
  3. David S. Evans & Richard Schmalensee: Matchmakers – The New Economics of Multisided Platforms
    (Zwei Ökonomen, die zu den Pionieren der Plattformforschung gehören, erklären Schritt für Schritt die Ökonomie von Plattformen, die zwei oder mehr Gruppen zusammenbringen – von Kreditkarten über Betriebs­systeme bis Uber. Kompakt, praxisnah und strategisch gedacht.)


Zwei Empfehlungen für Fortgeschrittene:

  1. Jean-Charles Rochet & Jean Tirole: Platform Competition in Two-Sided Markets (Journal of the European Economic Association, 2003)
    (Der Artikel, mit dem alles begann. Tirole erhielt 2014 den Wirtschafts­nobelpreis für seine Analyse von Markt­macht und Regulierung; der Artikel mit Rochet gehört zu den prägenden Arbeiten zur Plattformökonomie. Anspruchsvoll, aber wer Plattformökonomie auf akademischem Niveau verstehen will, kommt daran nicht vorbei.)
  2. Dr. Jacques Crémer, Yves-Alexandre de Montjoye & Heike Schweitzer: Competition Policy for the Digital Era (EU-Kommissionsbericht)
    (Der einflussreichste Politikbericht der letzten Jahre: Drei Top-Ökonom*innen analysierten im Auftrag der EU-Kommission, warum klassisches Kartellrecht für Plattformmärkte nicht mehr reicht. Dieser Bericht war die intellektuelle Blaupause für den Digital Markets Act.)


Studierende der Universität Mannheim haben über die Universitäts­bibliothek online-Zugriff auf die Volltexte der beiden erstgenannten Titel (und vieler mehr), auf die gedruckte Ausgabe des dritten Titels sowie auf den Zeitschriftenartikel. 

Tipps für Schüler*innen: Bei den meisten online-Buchhändlern erhältst du eine kurze Leseprobe inklusive der Gliederung. Oft kannst du auch über Fernleihe in deiner lokalen Bibliothek ein Exemplar beschaffen lassen. Bist du neugierig, wie vielfältig die Literatur ist, die Mannheimer Studierenden in diesem Bereich zur Verfügung steht? Mache eine Recherche über unseren Bibliothekskatalog!