VWL und Kriminalität: Weil auch illegale Entscheidungen beeinflusst werden können.

Deine Mission

Warum wird in manchen Stadtvierteln sehr viel häufiger eingebrochen als in anderen – obwohl die Polizei überall gleich präsent ist? Und warum sank die Kriminalität in manchen Ländern, nachdem die Strafen dort milder wurden? Als Volkswirt*in mit Vertiefung in Kriminalitätsökonomie analysierst du mit Daten, Experimenten und ökonomischen Modellen, warum Menschen Straftaten begehen. Und du berechnest, welche Kombination aus Prävention, Abschreckung und Rehabilitation die Kriminalität am effektivsten und kosteneffizientesten senkt.

Deine Aufgaben (Auswahl)

Abschreckung & Anreize

  • Kriminalität als rationale Entscheidung: Höhere Strafen oder häufigere Kontrollen –  was ist wirksamer gegen Kriminalität? Du modellierst, wie potenzielle Täter*innen die erwarteten Gewinne einer Straftat gegen die Entdeckungs­wahrscheinlichkeit und Härte der Bestrafung abwägen.
  • Optimale Strafverfolgung: Polizei, Staats­anwaltschaften und Gerichte verursachen enorme Kosten. Du berechnest, wie begrenzte Budgets verteilt werden müssen, um die größtmögliche Abschreckungs­wirkung zu erzielen.
  • Bewährung vs. Gefängnis: Was reduziert Rückfallquoten stärker – Haftstrafen oder Bewährung mit Auflagen? Du evaluierst Programme mit kausalen Methoden und gibst evidenz­basierte Empfehlungen.


Organisierte Kriminalität & Geldwäsche

  • Illegale Märkte verstehen: Drogenhandel, Menschenhandel, Waffenschmuggel – du analysierst diese Märkte mit denselben ökonomischen Werkzeugen wie legale Märkte: Angebot, Nachfrage, Preisbildung, Markt­zutritt. Denn nur wer die ökonomische Logik des Verbrechens versteht, kann es wirksam bekämpfen.
  • Geldwäsche und Finanz­ströme: Du entwickelst Modelle und Algorithmen, um verdächtige Finanz­ströme zu identifizieren und Regulierungen wie Anti-Geldwäsche-Richtlinien zu evaluieren.


Drogenpolitik & Regulierungs­design

  • Prohibition vs. Legalisierung: Senkt ein Verbot den Konsum – oder treibt es ihn nur in den Unter­grund und erhöht die Gewalt? Du vergleichst daten­basiert die Effekte unter­schiedlicher Regulierungs­modelle (z. B. Cannabis-Legalisierung in Kanada, Portugal, Deutschland).
  • Suchtprävention ökonomisch denken: Welche Preis- und Steuermechanismen verändern Konsum­verhalten? Du unter­suchst beispielsweise, ob höhere Alkoholsteuern Gewaltdelikte reduzieren oder ob Substitutions­programme langfristig günstiger sind als die Verfolgung von und Schäden durch Straftaten zur Drogenbeschaffung.


Daten­basierte Kriminalprävention & Predictive Policing

  • Kriminalitäts-Hotspots: Mit Geodaten und statistischen Modellen identifizierst du Orte und Zeiten, an denen Straftaten gehäuft auftreten, und evaluierst, ob gezielte Polizeipräsenz dort die Kriminalität tatsächlich senkt – oder nur verdrängt.
  • Algorithmen auf dem Prüfstand: Predictive Policing verspricht, Verbrechen vorherzusagen. Aber funktioniert es? Und ist es fair? Du unter­suchst, ob solche Algorithmen bestimmte Bevölkerungs­gruppen systematisch benachteiligen.


Ungleich­heit, Armut & Kriminalität

  • Sozio­ökonomische Ursachen: Macht Armut kriminell? Oder ist der Zusammenhang komplizierter? Du analysierst mit Paneldaten und Experimenten, wie Arbeits­losigkeit, Einkommensungleich­heit und Bildung die Kriminalitätsraten beeinflussen – und trennst dabei Korrelation von Kausalität.
  • Ökonomische Kosten von Kriminalität: Du berechnest, was Kriminalität eine Gesellschaft tatsächlich kostet – nicht nur die direkten Schäden, sondern auch entgangene Produktivität, Gesundheits­kosten der Opfer, psychische Folgen und den Vertrauensverlust in Institutionen.
  • Jugendkriminalität & Prävention: Welche Frühinterventionen – Mentoring-Programme, Sportangebote, bessere Schulen – senken die Jugendkriminalität am kosteneffektivsten? Du evaluierst Programme und berechnest ihre gesellschaft­liche Rendite.

Deine Arbeitgeber (Auswahl)

Europäische und nationale Sicherheits­behörden & Politik: 

  • Europol (EU-Agentur für die Zusammenarbeit auf dem Gebiet der Strafverfolgung, Den Haag)
  • OLAF (Europäisches Amt für Betrugsbekämpfung)
  • Europäische Kommission (GD Migration und Inneres – DG HOME, GD Justiz und Verbraucher – DG JUST)
  • Bundes­kriminalamt (BKA) – Forschungs­abteilung
  • Bundes­ministerium des Innern und für Heimat (BMI)
  • Bundes­ministerium der Justiz und für Verbraucherschutz (BMJV)
  • Generalzolldirektion
  • Landes­kriminalämter


Internationale Organisationen:

  • UNODC (United Nations Office on Drugs and Crime, Wien)
  • OECD (Anti-Corruption Division)
  • Weltbank (Governance & Anti-Corruption)
  • Trans­parency International


Forschungs­institute:

  • Universitäten im In- und Ausland
  • Max-Planck-Institut zur Erforschung von Kriminalität, Sicherheit und Recht (Freiburg)
  • DIW Berlin (Forschungs­gruppe Kriminalität, Arbeit und Ungleich­heit)
  • ifo Institut München


Compliance, Forensic Consulting & Privatwirtschaft:

  • Compliance-Abteilungen großer Banken und Konzerne
  • Forensic-Abteilungen der großen Wirtschafts­prüfungs- und Beratungs­gesellschaften (Deloitte, PwC, KPMG, EY)
  • FinTech- und RegTech-Unter­nehmen (Anti-Geldwäsche-Software, Fraud Detection)

Mehr erfahren: Deep Dive (Auswahl)

Du willst mehr darüber wissen, was genau Kriminalitätsökonom*innen machen und wie sie denken? Hier sind 3 Standard­werke, die Forschung und Politik geprägt haben: 

  1. Paolo Buonanno, Paolo Vanin & Juan Vargas: A Modern Guide to the Economics of Crime
    (Der aktuellste Über­blick über das gesamte Feld – von den klassischen Abschreckungs­modellen über Drogenpolitik bis zu Cybercrime und Terrorismus. Ideal als Einstieg, weil das Buch sowohl Theorie als auch empirische Methoden und Politikempfehlungen verbindet.)
  2. Bruce L. Benson & Paul R. Zimmerman (Hrsg.): Handbook on the Economics of Crime
    (Das umfassende Referenzwerk mit Beiträgen der führenden Forscher*innen weltweit, dar­unter Isaac Ehrlich, der zusammen mit Gary Becker die ökonomische Kriminalitätstheorie begründet hat (s. u.). Deckt alles ab: Abschreckung, Gefängnisökonomie, organisierte Kriminalität, Drogenökonomie.)
  3. Philip J. Cook, Stephen Machin, Olivier Marie & Giovanni Mastrobuoni (Hrsg.): Lessons from the Economics of Crime – What Reduces Offending?
    (Sammelband mit empirischen Studien zu Polizei, Drogenpolitik, Rückfälligkeit und Hooliganismus. Zeigt, wie ökonomische Methoden Kriminalpolitik evaluieren können.)


Zwei Empfehlungen für Fortgeschrittene:

  1. Gary S. Becker: „Crime and Punishment: An Economic Approach“ (Journal of Political Economy, 1968)
    (Der Aufsatz, mit dem alles begann. Becker zeigte als Erster, dass man kriminelles Verhalten mit ökonomischer Rationalität erklären kann. Pflichtlektüre, auch wenn es „nur“ ein Artikel ist.)
  2. Hans-Jörg Albrecht (Hrsg.): Kriminalität, Ökonomie und Europäischer Sozialstaat
    (Der wichtigste deutschsprach­ige Sammelband an der Schnittstelle von Ökonomie, Kriminologie und Recht.)

 
Studierende der Universität Mannheim haben über die Universitäts­bibliothek online-Zugriff auf die Volltexte der drei erstgenannten Titel (und vieler mehr), auf den Zeitschriftenartikel sowie auf die gedruckte Ausgabe des fünften Titels.

Tipps für Schüler*innen: Bei den meisten online-Buchhändlern erhältst du eine kurze Leseprobe inklusive der Gliederung. Oft kannst du auch über Fernleihe in deiner lokalen Bibliothek ein Exemplar beschaffen lassen. Bist du neugierig, wie vielfältig die Literatur ist, die Mannheimer Studierenden in diesem Bereich zur Verfügung steht? Mache eine Recherche über unseren Bibliothekskatalog!